Archive for the ‘Tiermedizin’ Category

DGAI: Anästhesisten fordern sinnvollen Antibiotikaeinsatz

Montag, November 14th, 2011

Kliniken fehlen Medikamente gegen Problemkeime – Anästhesisten fordern sinnvollen Antibiotikaeinsatz

Nürnberg – Auf deutschen Intensivstationen breiten sich seit einigen Jahren Erreger aus, gegen die herkömmliche Antibiotika nicht wirken: Der Anteil besonders widerstandsfähiger Kolibakterien etwa verzehnfachte sich innerhalb von acht Jahren. Infektionen mit dem multiresistenten Erreger Staphylococcos aureus (MRSA) dagegen nehmen langsam ab.

Gegen neue, mehrfach resistente Bakterien kommen die Kliniken jedoch kaum noch an. Denn gegen sie werden keine neuen Antiinfektiva entwickelt, bemängelt die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI). Stattdessen greifen Ärzte auf alte Medikamente mit starken Nebenwirkungen zurück. Die DGAI empfiehlt dringend einen rationalen Einsatz von Antibiotika.

Auf Intensivstationen kommen pro 1000 Patiententage rund vier Infektionen mit den gefürchteten MRSA-Keimen vor. Das ist fast zwar drei Mal häufiger als Infekte mit den kaum bekannten Escherichia coli-Stämmen aus der Gruppe der gramnegativen Bakterien. Jedoch stiegen zum Beispiel Infektionen mit 3GC-Escherichia coli in den Jahren 2001 bis 2008 von 0,16 auf 1,39 pro 1000 Patiententage. „Diesem enormen Anstieg multiresistenter gramnegativer Problemkeime wie Escherichia coli haben wir derzeit nur wenig entgegenzusetzen“, erläutert Professor Dr. med. Hugo Van Aken, Generalsekretär der DGAI aus Münster.

Denn neue Antiinfektiva gegen diese Bakterien würden nicht entwickelt. Zudem sei das Darmbakterium 3GC-E.coli selbst gegen moderne Breitband-Antibiotika wie etwa Cephalosporine der 3. Generation widerstandsfähig – und meist gleichzeitig auch gegen andere Antibiotikaklassen. Die alarmierenden Zahlen veröffentlichte zuletzt das nationale Überwachungssystem für Antibiotikaverbrauch und resistente Erreger SARI (Surveillance der Antibiotika-Anwendung und der bakteriellen Resistenzen auf Intensivstationen) in Berlin und Freiburg.

„Die Folgen des Fehlens von Antiinfektiva können sich dramatisch entwickeln“, warnt Privatdozentin Dr. med. Maria Deja von der Klinik für Anästhesiologie mit Schwerpunkt operative Intensivmedizin der Berliner Charité: Forscher zeigten in einer europäischen Studie, dass in bestimmten Regionen bei Patienten mit einer Lungenentzündung alte Medikamente eingesetzt werden mussten, weil herkömmliche Präparate unwirksam waren. „Diese veralteten Medikamente verursachen aber oft starke Nebenwirkungen wie Nierenversagen, was tödlich enden kann“, sagt Dr. Deja. Außerdem zeigte ein Überwachungssystem, dass einzelne Antibiotikaklassen auf Intensivstationen zunehmend häufiger im Einsatz sind: So verdoppelte sich der Verbrauch an Carbapenemen, die breit wirksam sind und als Reserveantibiotika gelten. „Bei steigendem Verbrauch von Carbapenemen besteht die Gefahr, dass sich resistente Bakterien selektiv vermehren – ein Teufelskreis“, erklärt Dr. Deja.

Ärzte müssen unnötige Behandlungen mit Antibiotika unbedingt vermeiden, damit Bakterien weniger Resistenzen entwickeln, rät die DGAI. „Zu lange oder nicht wirksame Antibiotikagaben sind ebenso unnötig wie Therapien mit Antibiotika, obwohl keine bakterielle Infektion vorliegt“, betont Professor Van Aken. Nur ein von der DGAI geforderter rationaler Antibiotikaeinsatz könne die rasche Ausbreitung von Resistenzen vermindern.

Quelle: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften

Komplementärmedizin bereits Mainstream

Montag, Oktober 24th, 2011

Breiter Zuspruch von Akupunktur, Homöopathie und Co als Ergänzung.

Wien – Komplementärmedizin genießt ein hohes Vertrauen in der Bevölkerung und wird kaum noch grundsätzlich angezweifelt oder abgelehnt. Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Befragung der Karmasin Motivforschung http://www.karmasin.at unter 1.000 Österreichern, die im Auftrag des Pharmaherstellers Sanova http://www.sanova.at erstellt und am heutigen Montag präsentiert wurde. „Zwei Drittel haben eine positive bis sehr positive Meinung zu komplementärmedizinischer Behandlung, nur acht Prozent eine negative“, fasst Studienleiterin Sophie Karmasin zusammen.

Jeder Zweite mit eigener Erfahrung

Nicht nur das Vertrauen, sondern auch das Wissen um die einzelnen Ansätze hat seit den 90er-Jahren erheblich zugenommen. „Komplementäre Medizin ist kein elitärer Begriff mehr, wie Bekanntheitswerte von über 82 Prozent bei Akupunktur und Homöopathie zeigen. Dahinter rangieren Kneipptherapie, Bachblüten, Kräuterheilkunde und Traditionelle Chinesische Medizin. Besonders Frauen sind komplementären Behandlungsformen sehr aufgeschlossen“, so Karmasin. Vorausschicken müsse man allerdings, dass die meisten mit der heutigen medizinischen Versorgung zufrieden sind und komplementäre Ansätze als Ergänzung, jedoch kaum als kompletten Ersatz der Schulmedizin verstehen.

Erst knapp jeder Zweite (46 Prozent) kann laut Studie bei Komplementärmedizin auf eigene Erfahrung verweisen, die allerdings in über 90 Prozent der Fälle positiv verlief. Anlass zum ersten Ausprobieren liefern meist leichtere Gesundheitsprobleme – allen voran Kopfschmerzen, Nervosität, Verdauungsproblemen, Schlafproblemen, Verspannungen oder Allergien. Erfahren haben die meisten davon über persönliche Empfehlungen von Freunden und Bekannten, während der Rat von Ärzten oder Apothekern weniger entscheidend ist.

Offen für alt und neu

Hinsichtlich des Umgangs mit Erkrankungen teilt Karmasin die Gesellschaft in drei Gruppen ein. „Naturorientierte“ reduzieren Arzneimittel wo dies möglich scheint und greifen im Krankheitsfall zuerst zu Hausmitteln sowie zu pflanzlichen Wirkstoffen. Sie vertrauen der Komplementärmedizin, wissen viel über sie und kennen sie aus eigener Erfahrung. „Der Anteil der Naturorientierten beträgt 39 Prozent der Bevölkerung. Vertreten sind vor allem Frauen ab 50 Jahre“, so die Meinungsforscherin.

Die „Offenen“ sind in Österreich mit einem Anteil von 41 Prozent zahlenmäßig die größte Gruppe. Frauen und Männer ab 30 Jahren scheinen hier gleichermaßen auf. „Sie akzeptieren sowohl Schul- als auch Komplementärmedizin, nutzen beide Ansätze gleichzeitig oder den im Moment sinnvollsten“, berichtet Karmasin. 18 Prozent der Bevölkerung – vor allem Männer der Altersgruppe ab 50 Jahren – setzen hingegen nur auf Schulmedizin, haben wenig Geduld bei der Wirkung von Arzneimitteln und interessieren sich nicht für komplementäre Ansätze.

Antwort auf persönliche Situation gesucht

„Männer setzen sich weniger mit der Behandlungsform auseinander“, erklärt die Forscherin die Geschlechterunterschiede gegenüber pressetext. In den älteren Generationen entsprechen Männer noch viel eher dem Klischee, dass sie anderen gegenüber keine Schwäche oder Krankheiten eingestehen wollen, den Arztbesuch und auch Vorsorgemaßnahmen lieber meiden, während Frauen häufig die „Gesundheitsmanagerin“ der Familie sind. Diese Rollenverteilung verschwindet bei jüngeren Generationen jedoch immer mehr. „Junge Erwachsene von heute sind bereits mit Homöopathie und Co groß geworden“, so Karmasin.

Dass sich die Komplementärmedizin binnen 20 Jahren von der Außenseiterposition zu einem Mainstream-Ansatz entwickeln konnte, sei Teil des Gesellschaftswandels. „Die Schulmedizin gibt auf den Trend zur Individualisierung kaum eine befriedigende Antwort. Sie widmet dem Patienten wenig Zeit und gibt ihm nicht das Gefühl, er bekomme genau das, was er will oder müsse selbst einen aktiven Beitrag leisten. Komplementäre Therapien liefern das – oder inszenieren es zumindest besser.“ Schlüssig ist weiters, dass die auf Naturwissenschaft ausgerichtete, stark technologisierte Welt auch in der Medizin einen Gegentrend ausgelöst hat.
Quelle: pressetext redaktion

Anmerkung: siehe hierzu auch den Beitrag „Hierarchische Multi-Regulation – Heilung durch gleichzeitige Therapie auf mehreren Daseinsebenen

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Epigenetische Veränderungen sind umkehrbar

Dienstag, September 20th, 2011

Erste umfassende Kartierung von epigenetischen Veränderungen über mehrere Generation zeigt, dass diese oft kurzlebig sind und daher wahrscheinlich nur selten die Evolution beeinflussen.

Jean-Baptiste Lamarck hätte seine Freude:  Seine Überzeugung, dass Lebewesen erworbene Eigenschaften an ihre Nachkommen weitergeben können, ist seit kurzem unter Genetikern wieder gesellschaftsfähig. Die Transformationslehre, die Lamarck vor rund 200 Jahren veröffentlichte, ruhte seit dem Siegeszug von Darwins Evolutionstheorie in der Mottenkiste der Geschichte.
Seit einigen Jahren weiß man jedoch, dass Umwelteinflüsse durchaus ihre Spuren im Erbgut hinterlassen können – in Form so genannter epigenetischer Veränderungen.
Die erste umfassende Bestandsaufnahme spontan auftretender Unterschiede legen nun Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Entwicklungsbiologie in Tübingen vor. Am Beispiel der Ackerschmalwand Arabidopsis thaliana bestimmten sie, wie häufig und in welchen Bereichen des Genoms epigenetische Modifikationen auftreten – und wie schnell sie wieder verschwinden. Demnach sind epigenetische Veränderungen zwar um Größenordnungen häufiger als die klassischen Mutationen, aber dafür oft kurzlebig. Sie spielen damit möglicherweise für die Evolution eine geringere Rolle, als bislang angenommen.Das Team um Detlef Weigel, Direktor der Abteilung für Molekularbiologie, konzentrierte sich auf eins der wichtigsten epigenetischen Merkmale, die Methylierung der DNA. Dabei werden winzige chemische Bausteine – Methylgruppen – an einzelne Buchstaben der DNA angeheftet, meist an ein Cytosin. Die eigentliche Erbinformation, die Buchstabenfolge der DNA, bleibt dabei allerdings unangetastet. Um die Häufigkeit von Methylierungsänderungen und deren Verteilung im Genom zu untersuchen, untersuchten die Tübinger Biologen zehn Linien der Ackerschmalwand Arabidopsis thaliana, die alle von demselben direkten Vorfahren abstammten und über 30 Generationen hinweg per Selbstbefruchtung gezogen worden waren.
Im Genom der letzten Generation suchten die Wissenschaftler dann nach Unterschieden im Methylierungsmuster, die sich im Vergleich zur Ausgangspflanze ergeben hatten. Dabei erstellten sie für jedes Individuum eine Karte aller Methylierungen im kompletten Genom – des so genannten Methyloms.„Wir haben pro Pflanze rund 14 Millionen Cytosine analysieren können“, veranschaulicht Claude Becker, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut und federführend bei der Studie, den enormen Aufwand. Im Durchschnitt konnten in jeder Linie Methylgruppen an fast 3 Millionen Cytosinen nachgewiesen werden. Zwar war der weitaus größte Teil dieser methylierten Cytosine in allen Pflanzen gleich, aber bei etwa 6 Prozent stießen die Forscher auf Unterschiede: Hier hatte in mindestens einer der Linien eine Veränderung stattgefunden – entweder die Anheftung oder die Abspaltung einer Methylgruppe. Jede Linie wies etwa 30.000 solcher Epimutationen auf. Zum Vergleich: In derselben Zeit hatten sich in keiner Linie mehr als 30 Mutationen in der DNA-Sequenz angehäuft.

Mit 30.000 Epimutationen, die nach 30 Generationen gefunden wurden, hätten die Genetiker daher etwa 1.000 Epimutationen pro Generation erwartet. Ein Vergleich von Eltern und deren direkten Nachkommen ergab jedoch eine drei- bis viermal höhere Epimutationsrate. Offenbar kehrt die DNA-Methylierung nach einigen Generationen häufig wieder zum Ausgangszustand zurück. Das Mitteln der Mutationsrate über mehrere Generationen ergibt daher ein falsches Bild. Beckers Kollege Jörg Hagmann warnt deshalb auch davor, die Bedeutung der DNA-Methylierung für die Evolution zu überschätzen: „Unsere Experimente zeigen, dass veränderte Methylierung Hand in Hand mit einer hohen Reversionsrate einhergeht“.

Mit anderen Worten: Die Unterschiede bleiben nicht unbedingt über viele Generationen hinweg erhalten, sondern können ebenso gut wieder zurückmutieren. „Erst wenn die Selektion über die Reversion siegt, ist die Veränderung auch evolutionär wirksam“, so der Tübinger Biologe. Eine neue Methylierung muss also einen deutlichen Anpassungsvorteil mit sich bringen, damit sie sich durchsetzen kann, bevor sie wieder verloren geht. Da Rückwärtsmutationen jedoch nicht unbedingt gleich in der nächsten Generation auftreten, können epigenetische Unterschiede dennoch zur kurzfristigen Vererbung von Merkmalen zwischen Eltern und Kindern oder Großeltern und Enkeln beitragen.Ein weiterer Unterschied zu gewöhnlichen Mutationen ist außerdem, dass Epimutationen nicht zufällig auftreten, sondern oft an denselben Stellen im Genom. Während Gene überdurchschnittlich oft von Veränderungen in der Methylierung betroffen waren, ist die Methylierung von mobilen DNA Elementen, den Transposons, sehr stabil. Dies ergibt durchaus Sinn, da bereits bekannt war, daß ein künstlich induzierter Verlust der Methylierung sich viel stärker auf die Aktivität von Transposons als von normalen Genen auswirkt.Größere Bedeutung als der Zustand einzelner Cytosine hat wohl die Methylierung größerer Erbgutabschnitte. „Wir haben insgesamt in jeder Pflanze nur etwa 30 Bereiche des Genoms identifiziert, in denen Unterschiede in der DNA-Methylierung gebündelt auftraten“, erläutert Becker. „Die epigenetische Veränderung ganzer Regionen scheint genauso selten vorzukommen wie echte Sequenzmutationen“, folgert Hagmann. Allerdings könnten sich ganze Regionen ebenfalls sehr schnell ändern. So haben die Wissenschaftler sogar einen Abschnitt finden können, der seine Methylgruppen erst verloren hatte, aber in der nächsten Generation vollkommen remethyliert worden war.

Was die Epigenetik für die Medizin interessant macht, ist die Tatsache, dass manche epigenetischen Veränderungen von äußeren Faktoren ausgelöst werden können. Beim Menschen etwa wird angenommen, dass Einflüsse wie Ernährung oder die Eltern-Kind-Bindung Spuren im Erbgut hinterlassen, die sogar an die Nachkommen weitergegeben werden und deren Gesundheit beeinflussen. Die begrenzte Stabilität der DNA-Methylierung führt dazu, dass solche Unterschiede jedoch nicht unbedingt auf lange Zeit beibehalten werden und daher nur in Einzelfällen der natürlichen Selektion unterworfen werden können.

Wie die Tübinger Versuche belegen, finden epigenetische Veränderungen in erheblichem Umfang spontan, also ohne besondere Einflüsse aus der Umwelt statt – die Wachstumsbedingungen im Gewächshaus waren für alle Pflanzenlinien gleich. Das lässt Raum für weitere Spekulationen, wie Becker feststellt: „In freier Natur, wo die Pflanzen dauernd den unterschiedlichsten Stressfaktoren ausgesetzt sind, dürfte die Zahl der Epimutationen deutlich höher liegen.“ Wenn dies auch mit einer höheren Rückmutationsrate einhergeht, wäre die Bedeutung der Epigenetik für die langfristige Evolution noch geringer als die Tübinger Biologen vermuten.

Originalveröffentlichung:
Claude Becker, Jörg Hagmann, Jonas Müller, Daniel Koenig, Oliver Stegle, Karsten  Borgwardt and Detlef Weigel: “ Spontaneous epigenetic variation in the Arabidopsis thaliana methylome“. Nature, online publication 20.September 2011

Steckbriefe seltener und importierter Infektionserreger neu erschienen

Donnerstag, September 15th, 2011

Sandfliegenfieber, Diphtherie, Malaria oder Histoplasmose – es gibt eine Vielzahl seltener und importierter Infektionskrankheiten, die Medizinern in Deutschland nicht vertraut sind. Eine griffbereite gebündelte Information zu solchen Infektionskrankheiten ist neben dem Internet, den Lehrbüchern und der wissenschaftlichen Literatur hilfreich.

Die RKI-Veröffentlichung „Steckbriefe seltener und importierter Infektionskrankheiten“ ist in der ärztlichen Praxis und im Gesundheitswesen von Nutzen, das haben Nachfrage und Rückmeldungen gezeigt. Jetzt hat das Robert Koch-Institut eine umfassend überarbeitete Neuauflage fertiggestellt. „Die Steckbriefe sind eine wichtige Unterstützung für die Ärzte, damit sie sich auch bei seltenen Infektionskrankheiten rasch informieren und reagieren können“, sagt Reinhard Burger, Präsident des RKI.

Die Veröffentlichung enthält insgesamt 94 Erreger-Steckbriefe, davon sind 13 neu aufgenommen. Dem Profil des RKI entsprechend stehen die epidemiologische und klinische Charakterisierung der Krankheiten, Prophylaxemöglichkeiten, Diagnose (einschließlich Differentialdiagnosen) und die Meldevorschriften im Mittelpunkt. Zur Therapie werden Hinweise gegeben, allerdings sollte bei der Behandlung weitere klinisch-infektiologische Expertise einbezogen werden. Die einzelnen Steckbriefe umfassen meist ein oder zwei Seiten, sie sind nach Erreger-Typen gruppiert – Viren, Bakterien, Parasiten, Pilze – und über einen umfangreichen Index erschlossen. Die Publikation wurde von dem Berliner Medizinpublizisten und Infektionsmediziner Dr. Wolfgang Kiehl redaktionell betreut.

Im Anhang werden die Ansprechpartner für den Notfall erläutert. So ist beim Auftreten von Infektionskrankheiten, die sofortige Schutzmaßnahmen vor Ort erforderlich machen, das Gesundheitsamt als erster Ansprechpartner zu konsultieren. Bei Fragen zur Diagnostik ist das Nationale Referenzzentrum für tropische Infektionserreger ein wichtiger Ansprechpartner, es befindet sich am Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg. Auch im RKI gibt es eine spezifische diagnostische Expertise, insbesondere im Rahmen der wissenschaftlichen Koordination des Europäischen Netzwerks für die Diagnose importierter viraler Erkrankungen (ENIVD). Außerdem gibt es im RKI für infektionsepidemiologische Fragestellungen, etwa die Einleitung von Erstmaßnahmen bei Seuchenalarm, eine Rufbereitschaft, die über die Telefonzentrale zu erreichen ist.

Eine reiseassoziierte („importierte“) Infektion kann mit dem richtigen Wissen unter Umständen vermieden werden. Vor einer Auslandsreise sollte daher eine sorgfältige reisemedizinische Beratung erfolgen, bei spezialisierten Ärzten, Tropeninstituten – die ebenfalls im Anhang der Steckbriefe aufgeführt sind – oder bei manchen Gesundheitsämtern. Zu Infektionsrisiken im Ausland bietet das Auswärtige Amt Informationen an (www.auswaertiges-amt.de). Über aktuelle Infektionsrisiken informiert auch das Robert Koch-Institut im Internet oder im wöchentlichen Epidemiologischen Bulletin, eine individuelle Beratung Reisender ist beim Robert Koch-Institut aber nicht möglich.

Die Veröffentlichung „Steckbriefe seltener und importierter Infektionskrankheiten“ kostet wie bisher 4 Euro und kann gegen Rechnung schriftlich bestellt werden: Robert Koch-Institut, ZV 5.2, Burgstraße 37, 38855 Wernigerode, Fax: 03943-679207, E-Mail info@rki.de.
Außerdem sind die Steckbriefe als PDF-Datei auf den RKI-Internetseiten abrufbar.

Quelle: RKI

Jakobskreuzkraut: Schön, aber giftig

Dienstag, August 30th, 2011

Zur Zeit wird das Lebersystem von Pferden, Rindern und auch des Menschen vielfach durch die Aufnahme von Jakobskreuzkraut über die Nahrung stark belastet. Die Aufnahme dieser Giftpflanze, die auch als Jakobsgreiskraut bekannt ist, oder ihrer Gifte kann zu chronischen Lebervergiftungen führen. Die Giftwirkung ist kumulativ.

Die in der Pflanze enthaltenen Giftstoffe (Senecio-Alkaloide) werden auch nach Heu- und Silagebereitung nicht abgebaut (siehe hierzu auch den  Beitrag „Schön, aber giftig“ von Udo Pollmer im Deutschlandradio Kultur). Menschen nehmen die Giftstoffe hauptsächlich über Honig auf.

Quelle:  „Energiemeridiane des Pferdes und ihre emotionalen Beziehungen

 

Fliegenspray für Pferde selber machen

Mittwoch, Juni 22nd, 2011

So schön der Sommer auch ist, die in dieser Zeit vermehrt auftretenden Insekten werden nicht nur von Reitern und Pferdebesitzern, sondern vor allem von den Pferden als besonders lästig empfunden.

Wer Fliegen und Mücken nicht mit der chemischen Keule zuleibe rücken möchte, der kann ein sehr wirkungsvolles Fliegenspray auch selber herstellen. Dazu wird ein Liter Obstessig mit 12 Tropfen Crab Apple (Bach-Blütenpräparat), einer gehackten Knoblauchknolle, einer Zitrone, einem Päckchen Nelken sowie einem kleinen Fläschchen Niem- oder Teebaumöl gemischt. Diese Flüssigkeit in einen Fünfliterkanister einfüllen und mit Wasser aufgießen. Anschließend sollte der Kanister einige Tage stehen, damit die Mischung ziehen kann. Zu empfehlen ist die portionsweise Umfüllung in eine Sprühflasche; das erleichtert die Anwendung am Pferd. Darüber hinaus lässt sich der kleinere Behälter besser vor jeder Anwendung schütteln, um das enthaltene Öl gut mit den restlichen Inhaltsstoffen zu vermischen.

Rebelliert das Pferd gegen das Einsprühen oder soll auch der Kopf ohne Stress behandelt werden, bietet sich die Verwendung eines nicht mehr benötigten Deorollers an. Dieser wird vorher gut ausgespült und anschließend mit dem selbst erstellten Fliegenschutzmittel befüllt. Mit dem zweckentfremdeten Deoroller lassen sich auch empfindliche Stellen am Kopf, wie beispielsweise die Partie um die Augen, gut einreiben.

nach: Anke Klabunde, http://www.aid.de/

Blutschwitzen bei Kälbern – Ursache wahrscheinlich gefunden

Mittwoch, Juni 1st, 2011

01.06.2011 – Die Impfungen mit dem Impfstoff PregSure BVD führen bei Rindern zur Bildung von Antikörpern, die sich an Zellen des Blutes anheften können. Werden diese Antikörper mit dem Kolostrum der geimpften Kuh an das Kalb weitergegeben, können sie dort Blut und Knochenmarkszellen zerstören. In betroffenen Betrieben führt das bei bis zu 15% der Kälber zu der als „Blutschwitzen“ bekannt gewordenen Erkrankung. Eine Arbeitsgruppe der Abteilung „Veterinärmedizin“ des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) um Max Bastian stellt in der Zeitschrift VACCINE nun Untersuchungen zu möglichen Ursachen dieses Phänomens vor. Die Publikation ist online bereits verfügbar

„Unsere Ergebnisse liefern erstmals eine plausible Erklärung für mögliche Ursachen des Krankheitsbildes“, erklärt Prof. Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts. „Jetzt werden Schritte möglich, solche Reaktionen zu vermeiden. Damit zeigt sich erneut ein Erfolg der Verbindung von regulatorischer Arbeit mit eigener Forschung im PEI“, so Cichutek weiter.

Beim Blutschwitzen treten im ersten Lebensmonat bei einzelnen Kälbern plötzlich unstillbare Blutungen aus Körperöffnungen und Verletzungen auf. Blutungen aus der scheinbar intakten Haut haben zur Namensgebung geführt. Wissenschaftlich wird die Krankheit mittlerweile Bovine Neonatale Panzytopenie (BNP) genannt.

Im März 2009 hatte es erste Hinweise gegeben, dass betroffene Betriebe oft den Impfstoff PregSure BVD zur Bekämpfung der Bovinen Virusdiarrhöe bei den Muttertieren eingesetzt hatten. Für Deutschland sind mittlerweile über 3.000 Fälle registriert (Stichtag 28. Februar 2011), in Europa sind es insgesamt über 4.500 Berichte. Ab März 2010 verzichtete der Hersteller auf Anraten des PEI auf die Vermarktung von PregSure BVD in Deutschland. Am 16. Juli 2010 folgte der Ausschuss für Tierarzneimittel (CVMP) bei der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) der Empfehlung des PEI, die Zulassung ruhen zu lassen. Das Ruhen der Zulassung trat im Oktober 2010 in Kraft – entsprechende Chargen wurden zurückgerufen.

Schon vorher, zu Beginn des Jahres 2010, hatten Wissenschaftler des PEI aus den Abteilungen „Veterinärmedizin“ und „Arzneimittelsicherheit“, unterstützt durch den Rindergesundheitsdienst in Nordrhein-Westfalen, begonnen, nach den möglichen Ursachen der BNP zu suchen.

Zunächst wiesen die Forscher bei Labortieren (Meerschweinchen) nach, dass geimpfte, nicht jedoch ungeimpfte Tiere im Blutserum Antikörper enthielten, die an Rinderblutzellen (Leukozyten) binden. Dieses Phänomen zeigte sich dann auch bei PregSure BVD-geimpften Kühen. Bei Rindern, die andere Impfstoffe erhalten hatten, war dieser Effekt nicht nachweisbar. „Der Nachweis, dass diese toxischen Antikörper der Mütter von BNP-Kälbern sich auch an die Zelllinie heften, die zur Herstellung des Impfstoffes verwendet wird, ist für uns ein deutlicher Hinweis, dass der Impfstoff ursächlich am Entstehen der Krankheit beteiligt ist“, so Max Bastian. Auf der Basis dieser Ergebnisse lassen sich viele Besonderheiten der BNP, insbesondere die Übertragung durch das Kolostrum, erklären. Es liegt nun am Hersteller, die Impfstoffproduktion so zu verändern, dass die Entstehung dieser Antikörper sicher vermieden wird. „Besonders wichtig für die Besitzer der Rinder ist der Hinweis, dass das Auftreten der Erkrankung vermeidbar ist, selbst wenn mit PregSure BVD geimpft wurde“, betont Klaus Cußler, Leiter des Fachgebiets ‚Sicherheit veterinärmedizinischer Mittel und Tierschutz‘ im PEI. „Gefährdete Kälber dürfen nicht das Kolostrum ihrer Mutter erhalten, dann ist die Erkrankung sicher zu verhindern“, so Cußler.
>> weitere Informationen

Quelle: Paul-Ehrlich-Institut

Mütter bestimmen maßgeblich die Fettsucht von Kindern

Dienstag, April 19th, 2011

Zu viele Kohlenhydrate führen zu einer Veränderung der DNA.

Southampton (pte/19.04.2011/11:05) – Die Ernährung einer Frau während der Schwangerschaft kann die DNA ihres Kindes verändern und das Risiko einer Fettsucht erhöhen. Zu diesem Ergebnis ist eine internationale Studie unter der Leitung von Keith Godfrey von der University of Southampton http://www.soton.ac.uk gekommen. Es zeigte sich, dass viele Kohlehydrate Teile der DNA beeinflussten. Kinder mit diesen Veränderungen verfügten in der Folge über ein höheres Körpergewicht.

Es wird angenommen, dass ein sich entwickelndes Kind versucht vorherzusehen, in welche Umwelt es hinein geboren wird. Dafür nutzt es Hinweise seiner Mutter und passt seine DNA entsprechend an. Studien mit Tieren haben ergeben, dass Veränderungen in der Ernährung die Funktion von Genen verändern können. Diese entwicklungsphysiologischen Veränderungen werden immer intensiver erforscht und sollen helfen zu verstehen, wie Umwelt und Gene miteinander interagieren.

Fettsucht als direkte Folge

Für die aktuelle Studie entnahmen die Wissenschaftler Proben von der Nabelschnur und suchten nach epigenetischen Markern. Frauen, die während der Schwangerschaft viele Kohlenhydrate wie Zucker zu sich genommen hatten, hatten in der Folge Kinder, die über diese Marker verfügten. Zwischen diesen Markern und einer Fettsucht der Kinder mit sechs und neun Lebensjahren bestand ein direkter Zusammenhang.

Godfrey erklärte, dass es überraschend ist, dass damit ein Viertel des Unterschieds beim Übergewicht der Kinder sechs bis neun Jahre später erklärt werden kann, berichtet die BBC. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass die Auswirkungen deutlich größer sind als das Geburtsgewicht. Es spielte dabei keine Rolle wie schlank die Mutter war.

Die Veränderungen zeigten sich in den RXRA-Genen. Sie bilden einen Rezeptor für Vitamin A, der seinerseits eine Rolle dabei spielt, wie die Zellen Fett verarbeiten. Alle Schwangeren erhielten Ernährungsempfehlungen. Sie stünden jedoch nicht immer ganz oben auf der Liste der behandelnden Ärzte. Diese Studienergebnisse legten jedoch nahe, dass diese Empfehlungen befolgt werden sollten, da sie langfristige Auswirkungen auf die Gesundheit des Kindes haben können.
Details der Studie wurden in den Fachmagazin Diabetes http://diabetes.diabetesjournals.org veröffentlicht.

Quelle: pressetext.at

Honig besiegt resistente Bakterien

Donnerstag, April 14th, 2011

Antimikrobielle Wirkung bei chronischen Wunden bestätigt.

Harrogate/Linz (14.04.2011) – Der Siegeszug von Krankheitserregern, die unempfindlich gegenüber Antibiotika sind, gehört zu den dringendsten Problemen der Medizin. Dass Honig ein geeignetes Mittel gegen Superbakterien und die von ihnen verursachten chronischen Wunden sein könnte, glauben britische Forscher nun belegt zu haben. Rose Cooper vom University of Wales Institute Cardiff http://www3.uwic.ac.uk berichtete am gestrigen Mittwoch beim Treffen der britischen Mikrobiologen http://www.sgm.ac.uk über den möglichen Wirkmechanismus.

Erreger purzeln ab

Erforscht wurde der sogenannte Manuka-Honig, den Bienen aus dem Nektar des in Neuseeland wachsenden Manuka-Baumes gewinnen. Einige Wundmittelprodukte verwenden ihn bereits aufgrund seiner antimikrobiellen Eigenschaften, obwohl die genaue Wirkung noch unbekannt ist. Die Forscher nahmen nun die Erreger Pseudomonas aeruginosa, A-Streptokokken und den Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus (MRSA) unter die Lupe. Manuka kann das Wachstum dieser Bakterien hemmen, zeigte sich, weshalb der Honig eine gute Alternative bei Medikament-resistenten Wundinfektionen sein könne.

„Honig verhindert den Beginn einer akuten Infektion, indem er die Bakterien daran hindert, sich an das Gewebe zu heften. Zudem verhindert er auch, dass Bakterien einen Antibiotika-Schutz in Form eines Biofilms bilden“, erklärt Cooper. Weiters macht Manuka bestehende MRSA-Keime empfindlicher auf Antibiotika wie etwa Oxacillin, wodurch antibiotische Resistenz rückgängig gemacht werden kann. Die Wirkung existierender Antibotika könnte somit in Verbindung mit Manuka erhöht werden, schließen die Forscher.

Situation des Patienten entscheidet

Die Medizin kennt eine Reihe natürlicher antimikrobieller Wirkstoffe, erklärt Petra Apfalter vom Institut für Hygiene, Mikrobiologie und Tropenmedizin am Linzer Krankenhaus der Elisabethinen http://www.elisabethinen.or.at gegenüber pressetext. „Darunter befinden sich etwa Honig, Schokolade, Kräuterextrakte, Preiselbeersaft, Atemwegssirup oder Blasentee. Doch auch Penicillin ist bloß das Stoffwechselprodukt eines Schimmelpilzes“, so die Expertin. Bei einigen Naturmitteln beschränke sich die Wirkung darauf, den pH-Wert des Körpers zu senken – was in manchen Fällen selbst hochresistenten Bakterien zu schaffen mache.

Ob man ein natürliches Mittel oder ein Medikament verschreibt, hängt eindeutig von der klinischen Situation des Patienten ab, betont die Linzer Medizinerin. „Bei einem unkomplizierten Harnwegsinfekt wird man sicher nicht gleich mit großen Geschützen auffahren. Insgesamt muss man jedoch immer im Auge behalten: Wie krank ist der Patient?“

Quelle: pressetext.at

Anmerkung: siehe hierzu auch den Beitrag „Bakterien und Pilze

Wie Gene am Beginn eines neuen Lebens neu programmiert werden

Dienstag, März 15th, 2011

Epigenetische Markierungen auf dem Erbgut des Menschen bestimmen, ob ein Gen aktiviert wird oder stumm bleibt. Diese zusätzlichen Signale helfen, unsere Gene in jeder spezifischen Zelle des Körpers anders zu interpretieren. Die epigenetischen Markierungen werden kurz nach der Entstehung neuen Lebens in der befruchteten Eizelle völlig neu programmiert. Ein internationales Forscherteam unter Leitung von Jörn Walter, Professor für Epigenetik an der Universität des Saarlandes, hat nun vollkommen neue Einblicke in die Vorgänge erlangt, die die epigenetische Reprogrammierung am Beginn eines neuen Lebens steuern. Die Ergebnisse der Studie erscheinen im Forschungsmagazin „Nature Communication“.

Jede menschliche Zelle des Körpers enthält die komplette einzigartige genetische Information eines Individuums. Die circa 25000 bis 30000 Gene des Genoms sind in jeder Zelle auf eine ganz spezifische Art und Weise „an- oder abgeschaltet“. Ob die Gene in den verschiedenen Zellen aktiv sind oder stumm bleiben, entscheiden zusätzliche epigenetische Veränderungen, beispielsweise Methylgruppen (CH3-Gruppen), die an die DNS-Bausteine angeheftet werden. Das universelle Genom des Menschen ist in jeder Zelle des Körpers von einem charakteristischen Netz dieser epigenetischen Schalter überzogen.

Zum Beginn eines neuen Lebens werden die Epigenome umprogrammiert, um zunächst einmal das neue Genom auf seine vielen Aufgaben vorzubereiten, aber auch, um sicher zu stellen, dass epigenetische Fehler der Eltern nicht an die Folgegeneration weitergegeben werden. Nach dem Verschmelzen von Eizelle und Spermium werden daher die epigenetischen Markierungen der elterlichen Chromosomen auf eine neue epigenetische Programmstufe gesetzt. Diese umfassende Dekodierung wird als epigenetische Reprogrammierung bezeichnet.

Völlig neue Einblicke in die molekularen Mechanismen, die dabei ablaufen, hat nun ein internationales Wissenschaftler-Team unter der Leitung von Jörn Walter gewonnen. Der Professor für Epigenetik an der Universität des Saarlandes erläutert: „Damit sich ein Embryo normal entwickeln kann, ist eine kontrollierte epigenetische Dekodierung des mütterlichen und väterlichen Erbmaterials kurz nach der Entstehung neuen Lebens von zentraler Bedeutung.“ Die Forscher fanden jetzt heraus, dass bei der Reprogrammierung die Methylgruppen auf der DNA chemisch verändert werden. Hierdurch verändern die Chromosomen schlagartig ihre epigenetische Struktur. Die neuen Erkenntnisse über die molekularen Abläufe haben weitreichende Bedeutungen für viele Fragen der Entwicklungsbiologie und liefern vollkommen neue Ansatzmöglichkeiten, um epigenetisch bedingte Erbgutveränderungen im Verlauf des Lebens und daraus resultierende Erkrankungen zu entschlüsseln.

Kurz nach ihrer Befruchtung beginnt die Eizelle, die in Chromosomen geordneten Strukturen des väterlichen Erbmaterials erst zu „entpacken“ und dann epigenetisch zu dekodieren. Das mütterliche Erbmaterial bleibt dagegen weitgehend geschützt. Diese mütterliche „Dominanz“ über die väterlich vererbten Chromosomen wurde vor über zehn Jahren von den Autoren entdeckt. Das Forscherteam fand nun heraus, wie die epigenetische Dekodierung der väterlichen Chromosomen im frühen Embryonenstadium abläuft: Ein erster Schritt ist das zusätzliche Anhängen einer einfachen Hydroxyl-Gruppe (OH-Gruppe) an die bereits bekannte modifizierte Base 5-methyl-Cytosin. Darüber hinaus konnten die Wissenschaftler den an diesem Vorgang beteiligten enzymatischen Prozess entschlüsseln. Sie wiesen nach, dass das Enzym Tet3 als ein zentrales Schaltenzym für den Umwandlungsprozess verantwortlich ist. Auch in der Frage, warum nur die vom Vater stammenden Chromosomen dekodiert werden, während die mütterlichen größtenteils geschützt sind, kamen die Wissenschaftler einen wesentlichen Schritt weiter: Sie konnten zeigen, dass die Eizelle ihr eigenes Erbgut vor dem Vorgang der Reprogrammierung durch ein Protein namens Stella schützt. Die mütterliche Eizelle bestimmt also mit sehr ausgeklügelten epigenetischen Werkzeugen über die Interpretation des väterlichen Genoms. Bereits vor zehn Jahren hatten die Wissenschaftler diesen Kampf der Geschlechter beschrieben – aber erst jetzt sind sie den Mechanismen auf die Spur gekommen. Die genauen biologischen Konsequenzen der massiven, einseitigen Umwandlung väterlicher Chromosomen bleiben zwar ein noch zu lösendes Rätsel, die Erkenntnisse der Forscher eröffnen aber vollkommen neue Perspektiven, diese in Zukunft zu lösen.

„Die schnelle Reprogrammierung der epigenetischen Information des väterlichen Genoms erfüllt vermutlich zwei „Aufgaben“: Zum Einen werden die epigenetischen Fehler des Vaters gelöscht und gleichzeitig wird das Genom für die Vielzahl der neuen Aufgaben vorbereitet, die für eine totipotente, also vollständige Entwicklung wichtig sind“, erläutert Jörn Walter. „Unsere Arbeit trägt dazu bei, die molekularen Signale und Schalter zu verstehen, die für die epigenetische Reprogrammierung entscheidend sind. Da epigenetische Programmfehler in unmittelbarem Zusammenhang mit der Entstehung komplexer Erkrankungen wie Krebs, Immun- und Stoffwechselerkrankungen oder Neuronalen Erkrankungen zu sehen sind, haben die von uns gefundenen Mechanismen eine vermutlich viel weitreichende Bedeutung als „nur“ für die Steuerung erster Lebensvorgänge“, sagt der Epigenetiker.

Die aktuelle Studie ist unter folgendem Titel in „Nature Communication“ erschienen: „5-Hydroxymethylcytosine in the mammalian zygote is linked with epigenetic reprogramming“.

Anmerkung: siehe hierzu auch den Beitrag „ Ursachen und Therapie chronischer Krankheiten aus naturheilkundlicher Sicht